[zurück zu Presse]

Eine klingende Attraktion

Traditionell oder automatisch spielbar – und nun auch begehbar: Die Welte-Orgel im Augustinermuseum wurde sehr gelungen restauriert

Donnerwetter! Aus dem früheren Aschenputtel ist eine stolze Königin geworden. Wer die Orgel im Freiburger Augustinermuseum eine Weile nicht mehr in Augenschein genommen hat, gerät nun ins Staunen. Schon der Optik wegen. Vor Ort sieht man sich einem schmucken, von Expertenhand feinfühlig aufgehübschten Prospekt gegenüber. „Prospekt“ meint in der Fachsprache der Orgelleute ja das repräsentative Antlitz des Instruments, die spezifisch gestaltete Fassademit den oft silbrig glänzenden Frontpfeifen. Nicht weniger als zwölfMeter ragt die Schauseite dieser Orgel in die Höhe. An jener Preziose, bei der nicht nur das Outfit bemerkenswert ist. Diese Orgel steht in einem Museum. Das ist bereits lange so und wird auch so bleiben. Inzwischen jedoch hat das Instrument gar nichtsMuseales (in desWortes pejorativemSinn) mehr an sich. Es ist in Top-Zustand, spielbar, gleichsam lebendig. Und wie! Natürlich kann, wann immer er will, ein Organist auf derOrgelbank Platz nehmen, am sogenannten Spieltisch versiert die Register und damit die Klangfarben wählen und dann auf den Tasten nachHerzenslustmusizieren. Das wäre der Normalfall. Das Instrument kann aber auch ohne leibhaftigen Spieler inAktion gesetzt werden: elektronisch, per Knopfdruck auf einem griffigen Gegenstand, der an die Fernbedienung des heimischen Fernsehers erinnert. Klänge und Stücke sind imAngebot, ja die kompletteOrgel lässt sich quasi unbemannt vorführen, wie ein Musikautomat. Da denkt man an entsprechende historische Klangerzeuger aus dem Zeitalter der Wiener Klassik, für die unter anderem Koryphäen wie Joseph Haydn undMozart Kompositionen beigesteuert haben. – Man dachte an ein barockes Klanggewand – Ein Museum möchte zeigen, es möchte informieren. Genau das leistet jetzt auch diese Orgel. Denn: Sie ist begehbar – wer auf diese gloriose Idee kam, hat einen Orden verdient. Über eine eigens entworfene Stahlkonstruktion und eine Treppe kann man ins Instrument gelangen, in dessen Mitte. Kann dort buchstäblich hautnah erfahren, wie denn das Prinzip Orgel funktioniert. So etwa beim Blick auf die wohlgeordneten Pfeifenreihen.Oder auf jene hölzernen Kästen, die Windladen heißen, durch welche die Luft in die Pfeifen strömt und diese dann zumKlingen bringt. Von innen zu erleben sein wird die Orgel künftig bei Führungen. Der Zugewinn für interessierte Besucher ist jedenfalls enorm. Und Gerhard Dangel, am AugustinermuseumderKurator für die Instrumente, darf sich richtig darüber freuen. Nicht alltäglich ist bei dieser Orgel fast alles. Inklusive der eigenen Geschichte. Die begann in der Barockzeit in Gengenbach im Kinzigtal. Georg Friedrich Merckel hatte die Orgel für die dortige Abteikirche gebaut – anno 1732/33 geschah das, in derÄra Johann Sebastian Bachs, des bedeutendsten Orgelkomponisten aller Zeiten. Doch die Zeiten ändern sich und mit ihnen auch der Geschmack: 1896 war man in Gengenbach der Barockausstattung überdrüssig. Das Instrument wurde entfernt, die Pfeifen (vermutlich) eingeschmolzen. Immerhin kennt man die Disposition, weiß also, welche Register einst vertretenwaren. Erhalten blieb allein der Prospekt. Ihn erwarb 1904 – ein honoriger Akt kommunaler Kulturpflege – die Stadt Freiburg, baute ihn 1923 im Kirchenraum des Augustinermuseums auf und ließ ihn von der heimischen Firma M. Welte & Söhne wieder mit Pfeifen bestücken. Man dachte damals offenkundig an ein barockes Klanggewand. Die Einweihung fand 1935 statt. In der Folge gab es diverse Umbauten und Erweiterungen – eine sogar im Kriegsjahr 1944. Auf die Disposition der Welte-Orgel aus eben diesem Jahr hat man das zuvor zerlegte Instrument jetzt wieder zurückgeführt. Mit der anspruchsvollen Restaurierungsaufgabe betraut wurde die von den beiden Orgelbaumeistern Heinz Jäger und Wolfgang Brommer geleitete Waldkircher Werkstatt Jäger & Brommer. Zwanzig klingende Registerwird dieOrgel ab sofort haben. Wobei der Stimmenfundus fraglos einige Auffälligkeiten zeitigt. Doch dadurch wird die Sache für Spieler und Hörer nur noch spannender. Somacht das Register „Singend Prinzipal“ seinem Namen alle Ehre. Eines lässt sich schon heute feststellen: Die Orgelbauer aus dem Elztal haben exzellente Arbeit abgeliefert. Die rund 600000 Euro dieser Restaurierungsmaßnahme sind bestens angelegt. Und Wolfgang Brommer, der,wie er sagt, das Instrument für „historisch bedeutend und sehr hochwertig“ hält, konnte sich (zum Glück!) mit seiner Einschätzung durchsetzen – selbst gegen den einstigen Orgelsachverständigen des Landesdenkmalamts, der den Erhalt des Instruments nicht befürwortet hatte. Seit 2005 hat es den Rang eines Kulturdenkmals. Merke: Eine Orgel ist eben kein stummesMöbelstück.Vielmehr ist sie einMusikinstrument undmuss erklingen. Dass sie dies optimal tun kann: Dafür sind imkonkreten Fall die Voraussetzungen gegeben. Jetzt geht es darum, diese Kostbarkeit mit ihren Tugenden geschickt in die ambitionierte Orgelszene Freiburgs zu integrieren. Vielleicht auch durch ein Kooperieren mit der Musikhochschule. Keine Frage, die sehr gelungen restaurierte Orgel im Augustinermuseum ist eine klingende Attraktion. Mit ihrer Historie und ihren Charakteristika, mit ihrer Platzierung und ihremAmbiente bietet sie reiche Möglichkeiten. Man sollte sie klug nutzen.

Johannes Adam